Die Dynamik des Sehens
Bestimmendes Element meiner Arbeit ist die Skepsis gegenüber offensichtlichen Realitäten und gewohntem Raumgefühl.
Meine Objekte bewegen sich dabei frei zwischen Wahrnehmungstheorie, Wissenschaft und Architektur. Sie durchbrechen oder verzerren den Raum unter anderem mit Stahl, Glas, Gitter und Licht. Sie bringen ihn aus dem Gleichgewicht oder forcieren seine Labilität.
Stabilität und Ordnung werden zu Gunsten eines mentalen Ortes physisch und psychisch verschoben oder außer Kraft gesetzt. So verändern unter anderem architektonische Viren und imaginäre Erdbeben die Tektonik des Raums. Der Raum zeigt sein Potential.
Abstrakte, geometrische Formen wechseln mit Fotografie, mischen sich mit Hightech-Materialien, Baustoffen oder Alltagsgegenständen, die die Stadt bereits verdaut hat. Projektionen, Reflektionen und Schatten zerlegen Oberflächen und Raum.
Spalten, Brüche und Fragmente zeigen permanente Illusion und Mutation.
Wahrnehmung und Ort treffen auf ein subversives, flexibles Chaos, das den Raum und die Gewohnheiten des Sehens aufbricht.
Defekte Wahrscheinlichkeit - Die Rache der ausgeschlossenen Möglichkeiten
Wie wahrscheinlich ist die Vergangenheit? Unwahrscheinlich. So könne man das allerdings nicht betrachten. Ha! Was Schwung nimmt, sich abstößt! Was sich der Drehtür entringt, ein blendender Seufzer, ein Blitz, schon gewesenes Licht. Ich habs genau gesehn, da waren Reflexe. Als setze die Tür mit jeder Drehung eine neue mögliche Vergangenheit frei: die Rache dessen, was auch hätte sein können, aber ausgeschlossenen worden ist. Bald schon drängen sich im Foyer unwahrscheinliche Potenziale und suchen sich Körper aus - unter den ahnungslosen Gästen des Hauses, die in Grüppchen herumstehn und plaudern. Ein Etuikleid vielleicht, oder etwas ohne Hüllen, Träger oder Säume. Vermehrt dreht die Tür lebensechte Parallelen unter die Anwesenden. Ressource Realität! Das geotaktisches Vermögen, der heile Verstand! Die Stimmung zu ebener Erde scheint zu kippen. Es wird knapp (nein, nicht was sich rächt, wird knapp, wir werden es: knapp).
Also nehmen wir den Paternoster und gelangen in den ersten Stock. In diesem postfreudianischen Traum sind die Analytiker aus ihren Zimmern vor die Schwelle getreten und klappern mit den Türen. Es scheint sie in Freude zu versetzen, sich so auf dem Flur zu versammeln, für einen Splitter Wahrscheinlichkeit, und zu rappeln, immer schneller, immer in Richtung Trance. Die Klinken lassen sie schnappen, drücken sie hinab, sie schnappen wieder. Wie das rappelt.
Es handelt sich wohl um das Motiv der Kästchenwahl, vermuten die erstaunten Analysanden, die sich nun, nicht länger schläfrig, von ihren Sofas erheben. Türen aus Gold, aus Silber und aus Blei. In jeder steht die Idee einer Braut, wie gerahmt. Oder die Braut einer Idee? Dazwischen rappeln die Analytiker, die inzwischen eine Vorform von Raserei erreicht haben. Manchem Analysand gelingt es, unter ihren Armen oder durch ihre Beine hindurch auf den Flur zu huschen, wo sie sich treffen, Prognosen austauschen. Man einigt sich: Die Wahl muss auf die dritte fallen. Es ist die aus Blei, die liebt und schweigt. Sie bringt das Glück. Ihr Teint ist von der paleness des Bleis. Blöd ist nur, dass sie tot, respektive der Tod ist. Dass man sie wählen kann und sie zudem die Schönste ist, scheint ein durch Wunschverwandlung entstelltes Arrangement zu sein, in dem das Schicksal zur Wahl umgelogen wird, wie im Märchen. Doch: "Die freie Wahl zwischen den drei Schwestern" - verschwisterten Türen - "ist eigentlich keine Wahl, denn sie muss notwendigerweise die dritte treffen, wenn nicht (…) alles Unglück aus ihr entstehen soll." Ja. Schon sieht man sie quellen, aus den überlasteten Angeln, böse Geister aus Montageschaum. Und plötzlich ist es still, still im blassblauen, schweißnassen Sinn. An einem Sakko fehlt ein Knopf. Die Sitzung, heißt es, sei beendet.
Es schließen sich 400 Türen, ein gewisser Prozentsatz aus Blei. Die Analysanden halten das Geschehene für zutiefst unwahrscheinlich und nehmen den Paternoster in das Foyer, wo sie sich unter die durchschlüpften Gäste mischen. Jetzt wissen es alle: Der Raum hat Potenzial.
Monika Rinck, Katalog: defekte wahrscheinlichkeit, 18m Berlin, 2008
(…) Mit der Verleihung des Hauptpreises an die Münchner Bildhauerin Claudia von
Funcke honorierte die Jury die kraftvolle Gestik, mit der die Künstlerin ihre
großformatigen Arbeiten dem Umraum entgegenstellt. Elemente aus
verschmolzenen gebogenen Glasscherben werden einem klar strukturierten
Rahmenwerk eingebunden, das an komplexe Antennenanlagen denken lässt.
Chaotisches wird gebändigt, und in der Durchsicht werden geläufige
Wahrnehmungsformen gebrochen. Die Jury wertete die Objekte als stark
zeitbezogene Gestaltungen mit vielschichtigen Deutungsebenen. Insbesondere
deren Potential für die Kombination mit moderner Architektur könnte
Möglichkeiten für die weitere Entwicklung bieten. (…)
Helmut Ricke, Neues Glas/New Glass, 1/1997